KI in Förderanträgen: Was sich seit ChatGPT wirklich verändert hat
Dr. Lea-Sophie Borgmann · 22. April 2026 · 5 Min. Lesezeit
Seit ChatGPT sind die Anträge überall mehr geworden. Und irgendwie alle gleich. Ein Blick auf die Zahlen aus Horizon Europe, EIC und einen aktuellen JRC-Report – und was das für die eigene Antragsstrategie im Innovationsfonds und anderswo heißt.
Nur ein Bauchgefühl? Nonono:
Im Februar 2026 schloss der erste Call der EIC Advanced Innovation Challenges mit 709 Anträgen, die zusammen 130,7 Millionen Euro nachfragten, ein Vielfaches dessen, was die erste Runde überhaupt vergeben kann. Klar, es wird immer mehr beantragt, als Kohle da ist. Aber die Zahlen sind schon beeindruckend: Bei den EIC Transition Calls stiegen die Antragszahlen von 257 (2023) auf 413 (2024) auf 611 (2025). Christina Egelund, Wissenschaftsministerin von Dänemark, hat vor wenigen Wochen öffentlich gesagt, was in der Szene ohnehin diskutiert wird: Ihre Förderagenturen würden von mutmaßlich KI-generierten Anträgen überrannt.
Spannend daran
Das Joint Research Centre der EU-Kommission hat sich angeschaut, was die Flut tatsächlich anrichtet. Der Report heißt „LLM-assisted proposal writing in competitive R&D funding" und die Befunde sind nicht unbedingt das, was man im ersten Reflex erwartet.
1. KI ist Mainstream, keine Randerscheinung. 2024 enthielten rund 40 Prozent aller Horizon-Europe-Abstracts KI-generierte Anteile.
2. Die Qualität sinkt nicht signifikant. So der Bericht. Die Daten sagen das klar, auch wenn wir (ich) vielleicht lieber was anderes hören würden.
3. Die Hauptnutzer:innen sind kleinere Akteure und Antragstellende aus Ländern mit niedrigerem BIP pro Kopf, geringerer englischer Sprachkompetenz und schwächerer F&E-Infrastruktur. Also genau die Gruppen, die strukturell schlechtere Karten hatten. Das finden wir doch mega!
KI senkt also die Einstiegshürde in einem System, das über Jahrzehnte denjenigen vorbehalten war, die sich professionelle Antragsbegleitung leisten konnten oder intern eine Forschungsabteilung mit Antragsroutine hatten.
Kurz gesagt: KI-Anträge kommen häufiger, sind aber nicht schlechter. Was kollabiert, ist das System – nicht die Qualität.
Das eigentliche Problem liegt woanders
Das System kollabiert unter der Menge der Antragseingänge. Gutachter:innen sollen plötzlich das Doppelte lesen, mit derselben Sorgfalt, in derselben Zeit, ehrenamtlich oder für eine Aufwandspauschale. Das wird auf Dauer nicht funktionieren. Und wenn 400 von 600 Anträgen sprachlich gleich glatt klingen, weil alle denselben Thesaurus benutzen, wird die Entscheidung irgendwann beliebig; oder sie folgt Heuristiken, die mit der eigentlichen Idee wenig zu tun haben: bekannter Name, renommierte Institution, vertraute Methodik – und damit beginnt das Spiel wieder von vorn und alle Vorteile sind dahin.
Die Förderinstitutionen wissen das. Der Schweizer Nationalfonds experimentiert zum Beispiel seit Jahren mit einem Losverfahren: Nach einem qualitativen Vorscreening wird unter den geeigneten Anträgen ausgelost. Klingt provokant. Ist aber vielleicht ehrlicher als die jetzige Schein-Präzision auf der dritten Nachkommastelle. Die EU-Kommission hat 2023 Alternativen wie einen „Portfolio-Ansatz" in den Raum gestellt, also Entscheidungen entlang strategischer Programmlogik statt entlang einzelner Texte.
Was das für Antragstellende heißt
Ich arbeite vor allem im deutschen Innovationsfonds. Der strukturelle Trend ist dort ein anderer als in Horizon, die Mechanik dahinter aber erkennbar dieselbe: Wer in einem enger werdenden Feld auffallen will, muss etwas sagen, was nicht austauschbar ist.
KI ist ein brauchbares Werkzeug, um:
→ die Struktur zu prüfen
→ Redundanzen rauszukürzen
→ Formulierungen zu glätten
→ ein konsistentes Register zu halten
→ Textteile zwischen verschiedenen Antragsformaten zu überführen
Für das, was einen Antrag tatsächlich trägt, ist sie nutzlos:
→ Die Forschungsfrage
→ Das Studiendesign, das zur Fragestellung passt
→ Die realistische Konsortialkonstellation
→ Der Blick dafür, was Gutachter:innen eines bestimmten Programms wirklich lesen wollen. Und was eben nicht.
Das Problem ist also nicht, dass „die KI" Anträge schreibt, sondern vielmehr, dass der Förder-Markt mit Texten geflutet wird, die sich flüssig lesen, aber nichts Eigenes sagen. Dazwischen muss das Gute hervorstechen.
Take-away
Für alle, die wirklich etwas zu sagen haben, ist das eine gute Nachricht.
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Zu konkreten Themen rund um den Innovationsfonds: Die 7 häufigsten Fehler · Wann sich ein Sparring lohnt · Zweistufig oder einstufig?
Quellen: JRC-Report „LLM-assisted proposal writing in competitive R&D funding: Evidence from Horizon Europe"; EIC Call-Daten 2023–2026; Science|Business zu Egelund/Dänemark und Erfolgsquoten in Horizon Europe; SNSF zum Losverfahren; EU-Kommission zu Portfolio-Ansätzen.
Einen Antrag, der nicht austauschbar ist?
KI liefert Struktur. Die Forschungsfrage, das Studiendesign und die Konsortialkonstellation nicht. Genau diese Arbeit begleite ich – vom gezielten Sparring über konzeptionelle Mitarbeit bis zur vollständigen Antragsbegleitung beim Innovationsfonds des G-BA.
In einem kostenlosen Erstgespräch klären wir, wo Sie stehen und welche Unterstützung sinnvoll ist.